Buch: Franz Beckenbauer – Einer wie ich „Es klirrt. ‚Stephaaan – Stephaaan.’ Irgendwo im Haus muss etwas zerbrochen sein. Nein, man muss nicht aus bescheidenem Haus sein, um das bescheidene Spiel zu spielen. Niemand hat sich sein Jahrzehnt vorzuwerfen. Ich bin sicher, auch in zwanzig und in fünfzig Jahren wird man noch Fußball spielen. Und dann wird Stephan vielleicht auch einer von uns gewesen sein, wird dreißig sein wie ich, wird Kinder haben. Sehr jung schon wird er Kinder haben, wie ich, denn als Fußballprofi lebt man intensiv“, schreibt Franz Beckenbauer über seinen Sohn, den Fußball und sich selbst auf den ersten Seiten seines Buchs „Einer wie ich“. Knapp zehn Jahre sind seit seinem ersten Werk, „Dirigent im Mittefeld“, vergangen und man merkt, wie sich der Fußball seitdem weiter entwickelt hat. Beckenbauers Buch liest sich unterhaltsam – seicht, aber abwechslungsreich plätschern die sehr intim gehaltenen Geschichten, wie der obige, einleitende Beispieltext, dahin. Fußball steht nicht mehr im Mittelpunkt, das Drumherum ist entscheidend. Familie, Showauftritte, die Dinge hinter den Kulissen rücken in den Vordergrund. Fußball und seine großen Protagonisten haben an Macht gewonnen. Aus den braven Herberger-Schülern, die vielleicht mal wie ein Helmut Rahn heimlich aus dem Hotel auf ein Bier ausbrachen, sind selbstbewusste Stars geworden, die, wie Beckenbauer selbst etwas irritiert anmerkt, aus einer „bescheidenen Zeit kommend“, es zu „Wohlstand“ gebracht haben. Und diese Männer wehren sich. Legendär die Szenen nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 beim Bankett im Münchener Hilton-Hotel: „Die offizielle Feier war bereits im Gange. Niemand wusste, wo unsere Frauen waren. Nur Susi Hoeneß war auf einmal unter uns. Wir gingen in den Bankettsaal und nahmen an unseren Tischen Platz; die Speisen wurden aufgetragen. Da trat ein Ober an unseren Tisch und sagte zu Frau Hoeneß: ‚Ich muss Sie leider bitten, den Saal zu verlassen.’‚Wer hat das gesagt?’, brauste Uli Hoeneß auf.‚Der Herr Deckert hat angeordnet, dass die Spielerfrauen, pardon, die Damen, nicht hier platziert werden dürfen.’‚Dann soll er zu mir kommen.’
Die Taktlosigkeit unseren Frauen gegenüber verschlug uns den Atem, und wir weigerten uns, der Aufforderung nachzukommen. Plötzlich stand Deckert an unserem Tisch. Er blickte auf Susi und befahl: ‚Keine Frauen. Sie haben doch die Einladung gelesen!’‚Aber da sind ja auch andere Frauen’, sagte Uli Hoeneß. Er wies auf die Mädchen am Pressetisch und auf einige ältere Damen im Nerz und mit gefährlich schaukelnden Perücken an den Funktionärstischen. Deckert legte die Hände flach auf den Tisch und erwiderte wütend: ‚Das sind die Damen der Offiziellen, das ist etwas ganz anderes. Hier herrscht noch Zucht und Ordnung. Maßen Sie sich nicht Rechte an, die Ihnen nicht zustehen.’‚Halten Sie doch die Luft an’, sagte Hoeneß, stand auf und ging mit seiner Frau aus dem Saal. Ich folgte ihm.“
Der Skandal, der noch in der Nacht zu Rücktritten von Nationalspielern geführt haben soll, wie man sich in immer neuen Legenden lange Zeit gerne erzählte, wird über mehrere Seiten haarklein geschildert – in einer solchen Detailliertheit und mit einem solchen persönlichen Bezug wie wohl an keiner zweiten Stelle in der Fußball-Literatur. Ein anderes Thema aus „Einer wie ich“ findet man hingegen in fast jedem Buch eines Fußballers: die Schiedsrichter. Auch Beckenbauer ist es scheinbar ein Anliegen die vielen Demütigungen, die er als Spieler auf dem Platz erleiden musste, mit einer kleinen Spitze an die Schiedsrichter zurück zu geben: „Unter Fußballern kursiert der Witz, der die gegenwärtige Situation recht gut wiedergibt: Die Engel und die Teufel wollen gegeneinander Fußball spielen. Petrus reibt sich die Hände und rät dem Kapitän der Teufelmannschaft, das Spiel abzusagen, weil die Teufel ja doch keine Chance hätten, es zu gewinnen. ‚Alle großen Fußballstars sind im Himmel’, sagt Petrus. ‚Sie sind alle Engel geworden.’ Der Kapitän der Teufelsmannschaft grinst: ‚Denken Sie an die Schiedsrichter. Die sind bei uns.’ Ob nun Engel oder Teufel, jeden Abend vor einem Bundesligaspiel trifft der Schiedsrichter mit seinen Linienrichtern am Spielort ein. Und die Versuchung dürfte gelegentlich groß gewesen sein, den Schiedsrichter dabei so zu betreuen, dass er der heimischen Mannschaft, wenn möglich, einiges nachsieht.“ Beckenbauer, Franz: Einer wie ich. München: Bertelsmann 1975











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