Heutet die Transferfrist. Wer bis jetzt nicht zugeschlagen hat, wird sich bis zum Januar 2010 gedulden müssen. Ob die neu verpflichteten Spieler allerdings tatsächlich die Illusion der Fans von einer glamouröseren Zukunft erfüllen werden, wird sich erst in ein paar Monaten zeigen. Doch schon immer sorgten die Transferaktivitäten der Vereine für manch amüsante Fußball-Anekdote.

1974 hatte man sich auf Schalke wieder einmal etwas richtig Feines für die Zuschauer ausgedacht. Nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land wollte man den Fans einen echten Kracher präsentieren und hatte dabei einen blonden Verteidiger aus Brasilien, namens Marinho, im Auge. In aufwändigen Fotostrecken lobte die Boulevardpresse den mitten im Hochsommer in einen Pelzmantel gesteckten Brasilianer bereits in den siebten Himmel.
70.000 sehnsüchtige Schalker wohnten gespannt der Präsentation des neuen Wundermannes im Parkstadion bei. Die mit Händen zu greifende Euphorie und die vielen lachenden Gesichter überall machten diesen Tag zu einer königsblauen Feierstunde. Doch da der Transfer sehr, sehr teuer war, sollten die Zuschauer entscheiden, ob Marinho tatsächlich der Mann ihrer Träume sei. Seine Verpflichtung lag einzig und allein in ihrer Hand. Man stellte Urnen an den Ausgängen auf, und nachdem alle 70.000 Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben hatten, fuhr man die Behälter auf die klubeigene Geschäftsstelle.
Doch Schalke wäre nicht Schalke, wenn man nun in aller Seelenruhe die Zettel gezählt und anschließend das Ergebnis vor der versammelten Presse bekannt gegeben hätte. Nein. Auf Schalke läuft das anders. So wurden die Urnen von der Müllabfuhr abgeholt, noch bevor überhaupt irgendjemand die Wahlzettel zu Gesicht bekommen hatte. Aber da der Transfer am Ende wohl sowieso viel zu teuer für die klamme Schalker Vereinskasse gewesen wäre, verkündeten Charly Neumann und Günter Siebert kurzerhand mit gespielter Unschuldsmiene: »Mit knapper Mehrheit wurde Marinho von den Zuschauern abgelehnt.«
Ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckerten sich 1988 die Verantwortlichen von Borussia Dortmund. Im Frühherbst wunderten sich die Spieler sehr über die Verpflichtung des 28-jährigen Argentiniers Patricio Margetic, der vor Saisonbeginn nach vier Wochen Probetraining noch »zurück in die Pampa« (O-Ton Heribert Fassbender bei der WM 1990) geschickt worden war. In Bochum hatte Trainer Rolf Schafstall den vermeintlichen Torjäger bereits zwei Jahre vorher als komplett »bundesligauntauglich« eingestuft. Da Margetic jahrelang in den USA bei den Chicago Stings fast nur in der Halle gespielt hatte und deshalb – um es vorsichtig auszudrücken – einige konditionelle Mängel aufwies, mutmaßten die gewieften Trainingsplatzkiebitze: »Den hamse sicher für die Winterpause eingekloppt, damit der in der Halle glänzt.«
Doch da kam er nie an. Nach 34 Einsatzminuten in zwei Spielen war der Argentinier so ausgepumpt, dass er fortan nicht einmal mehr von einem Strafraum zum nächsten laufen konnte. Trotz allem durfte sich Margetic am Ende der Saison als DFB-Pokalsieger bezeichnen.
Aus seiner Sicht hätte der Ausflug in die deutsche Bundesliga kaum besser laufen können. Andere Träume erfüllten sich leider nicht. In all den Jahren regten viele klangvolle Namen die Fantasie der Fans im Ruhrgebiet an, ohne dass jene anschließend tatsächlich den Weg ins Revier fanden. Darunter waren auch solch exotische Paradiesvögel wie der kolumbianische Nationaltorhüter von Nacional de Medellin, René Higuita. Der sollte als 22-jähriges Ausnahmetalent 1989 zum VfL Bochum wechseln. Und das wär’s gewesen, wie man im Fußball zu sagen pflegt. Denn Higuita war ohne Frage ein besonders pfiffiges Kerlchen. Bereits in diesem zarten Alter hatte er als Keeper fünfzehn Tore (zwölf Elfmeter, drei Freistöße) für seinen Verein erzielt.
Doch der Transfer scheiterte genauso wie der geplante große Überraschungscoup von Schalke-Präsident Günter Eichberg ein Jahr nach der WM 1990. Kurz vor der Vertragsunterzeichnung war der Kameruner Lambadatänzer Roger Milla leider irgendwo unauffindbar »im Busch verschwunden« (Eichberg).

Doch es gibt sie auch – die Transfer-Erfolgsgeschichten. Der Wechsel von Günter Brocker 1952 vom Duisburger FV 08 zum FC Schalke 04 fällt beispielsweise in diese Kategorie. Nichts ahnend saß der Abwehrrecke Brocker eines Abends an der Theke in seiner Vereinskneipe, als ein großer Kerl hereinkam und direkt auf den Duisburger zusteuerte. »Na, Günter, wie isset?«, sprach der Mann ihn an, den Brocker erst auf den zweiten Blick als Werner Kisker identifizierte. Kisker, der zur damaligen Zeit in Hamborn spielte, war zuvor einige Jahre Torwart auf Schalke gewesen. Und das war auch der Grund für seinen Besuch in Brockers Stammkneipe. »Komm mal mit raus!«, sagte der ehemalige Schalker Torhüter und führte den immer noch überraschten Abwehrspieler zu einem Opel Admiral draußen vor der Tür.
Brocker stockte der Atem. Vorne im Auto saßen der Präsident von Schalke 04, Albert Wildfang, und Hermann Eppenhoff, hinten Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. Und die Schalker Legenden fackelten nicht lange: »Können wir mit dir reden?«, fragten sie ihn gleich und duzten Brocker. ›Szepan und Kuzorra’, dachte er und sein Herzschlag ging richtig los.
Die beiden großen Idole kamen nach Hochfeld, um ihn, den einfachen Abwehrspieler eines Zweitligisten aus Duisburg, zu verpflichten! Brocker war von der Situation überwältigt: »Da konnte man doch nicht ›Nein‹ sagen. Die haben einen Vertrag für mich fertig gemacht und mir den Handschlag drauf gegeben. Danach habe ich mir ein paar Wochen die Hände nicht mehr gewaschen.« Und als Schalke 1958 Deutscher Meister wurde, stand Günter Brocker, der Mann, den die königsblauen Legenden Szepan und Kuzorra 1952 von der Theke weg engagiert hatten, hinten in der Abwehr und ließ gegen den Hamburger SV kein Tor zu. Manchmal erfüllen sich bei Transfers eben auch alle Träume – die der Fans, die des Vereins und die der Spieler!
Aus: Ben Redelings: “Dem Fußball sein Zuhause. Pöhlen, Pils und Pokale entlang der B1″, Verlag Die Werkstatt, 2009, 196 Seiten, 9,90 Euro