Käsemauken im Fahrtwind
Was der Trommler Manolo für die Gladbacher Borussia in den Achtzigern und der Trompeter Mario Fioretti für die Schalker in den Neunzigern war, ist »Sirenen-Willi« in den sechziger und siebziger Jahren für die Essener gewesen – ein buntes Fan-Original, das aus der grauen Masse der Anhänger durch sein schillerndes Auftreten heraus stach.
Mit einem Zylinder auf dem Kopf und ganz in rot-weiß gekleidet begleitete Willi Schick seine Mannschaft von der Hafenstraße quer durch Deutschland. Wo immer die Essener antraten, »Sirenen-Willi« war schon vor Ort. So auch bei einem Auswärtsspiel der Rot-Weißen in Hamburg. Als das Team nach der Begegnung am Hauptbahnhof eintraf, wartete dort bereits ein sichtlich betröppelt dreinschauender Willi Schick auf sie. Nach einigen ausgiebigen Besuchen der Reeperbahn und dem einen oder anderen Gläschen alkoholischen Inhalts musste »Sirenen-Willi« sich eingestehen, dass er keinen Pfennig mehr für die Rückfahrt in der Tasche hatte.

Als Willi Lippens den treuen Fan einsam und verlassen am Bahnsteig stehen sah, entschloss er sich spontan den Edel-Anhänger der Rot-Weißen mit in sein Abteil zu nehmen. Zusammen mit Hansi Dörre teilte er sich einen Drei-Betten-Raum und so hatte man genug Platz für einen weiteren Fahrgast. »Sirenen-Willi« legte sich nach oben, Dörre in die Mitte und Lippens nach ganz unten.
Der Zug fuhr an, man schloss die Augen und schlummerte langsam ein. Bis Willi Schick auf die Idee kam, es sich ein wenig gemütlicher zu machen. Das Essener Stürmeridol Lippens erinnert sich lebhaft an diesen Augenblick: »Auf einmal hat der seine Schuhe ausgezogen. Leute, Leute, Leute. Sofort waren die Scheiben beschlagen. Unvorstellbar. Das ging dann nur noch wie beim Röntgenarzt –‚Tief einatmen. Nicht mehr atmen’. Da war natürlich die Frage, was machen wir jetzt hier? Das wäre nie und nimmer gut gegangen. Da sagt der Hansi: ‚Wir schieben das Fenster auf, der Willi hält die Mauken raus, und dann müsste das irgendwie schon gehen’. Genauso ist es gekommen. Wir haben das Ding aufgezogen, der hat seine Füße raus gelegt und dann ist der bis Essen so gefahren. Die Käsemauken immer schön im Fahrtwind. Vom Feinsten. Aber er hat wirklich tapfer durchgehalten.«
Ein paar Jahre nach dieser Geschichte zerstritt sich Willi Schick mit dem Vorstand der Rot-Weißen und verließ zornig und Hals über Kopf seinen Verein. Ganz ohne Fußball konnte Willi jedoch auch danach nicht sein und so zog es ihn in Essen ein paar Häuser weiter zu ETB Schwarz-Weiß. Es wurde allerdings nur eine kurze Liaison ganz ohne Zuneigung. Denn der Ur-Rot-Weiße bemerkte sehr schnell, dass Klubs nicht einfach so gegeneinander austauschbar sind: »Als ich mal im Stadion Uhlenkrug war und ein Tor fiel, sagte ein Fan neben mir ‚sehr ordentlich…’ – bei uns hätten wir die Bude abgerissen!«
In den Folgejahren irrte »Sirenen-Willi« etwas ziellos umher und folgte schließlich seinem Lieblingsspieler Lippens nach Dortmund. Doch nirgendwo war es je wieder so schön wie damals mit den alten Recken von RWE, musste sich Willi Schick in einsamen Nächten mit der Feuerwehrsirene im Arm eingestehen.
Der Text ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch: “Dem Fußball sein Zuhause. Pöhlen, Pils und Pokale entlang der B1″











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