Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen. Der Ausflug gestern nach Köln mit dem VfL Bochum war sicherlich auf absehbare Zeit mein letzter in die Arena der Domstädter – und das liegt nicht nur daran, dass der VfL dieses Stadion in der nächsten Saison nicht in derselben Liga sehen wird.
Weil es viel zu viele und zu kunterbunte Eindrücke waren, die am gestrigen Abend auf mich eingeprasselt sind, will ich mich in 15-Punkten kurz fassen:
1. Einlass-Situation: Wir hatten Karten für den Gästesitzplatzbereich. Dort wurde der Einlass so minimiert, dass 4 (!) männliche Ordner hinter 2 (!) Drehkreuzen das Abtasten übernahmen. Die Folge war eine sehr lange Schlange, Gedränge vor den Toren und Wartezeiten, die dazu führten, dass die letzten Sitzplatzbesucher 15 Minuten nach Spielbeginn im Stadion waren.
2. Abtasten: Ich musste meine Taschen leeren und sollte meinen Stift abgeben, da er als Wurfgeschoss zu gebrauchen wäre. Schlüssel, alte, klobige Handys, Feuerzeuge etc. dürfen mit ins Stadion genommen werden. Eine Regelung, die vorsichtig ausgedrückt, vollkommen schizophren ist. Gott sei Dank hatte der Chef der Security ein Einsehen (und Verständnis dafür, dass man einen Stift auch für andere Zwecke gebrauchen kann, als damit zu werfen)
3. Abtasten II: In der Schlange meinte einer sehr trocken: »Und nachher wird es sicher wieder eine Pyro-Aktion geben.« Tja, wahre Worte gelassen ausgesprochen. Wenn nicht bald an dieser Stelle das System geändert wird (und ich meine ausdrücklich keine Nacktscanner), dann wird es zwangsläufig dazu führen, dass bestimmte Menschen den Stadionbesuch meiden werden – und das werden mit Sicherheit nicht die Leute sein, die Pyros für »geil« halten!
4. Kein Alkohol im Stadion: Wer meint, dass man irgendetwas an der Gewalt oder an den Pyro-Aktionen im Stadion ändert, weil man keinen Alkohol mehr ausschenkt, der ist nicht von dieser Welt. Es ist erschreckend, wie eine große Mehrheit, unter den Auswüchsen einer (im Verhältnis sehr) kleinen Minderheit leiden muss!
5. Rahmenprogramm: Für 27 Euro wird man mittlerweile auf das übelste durch Animationen, Musik, Spiele und Showelemente penetriert. Es ist – wenn man nicht lachen müsste – zutiefst widerwärtig, was in der Halbzeit auf dem Rasen und über die Leinwände geboten wird. Höhepunkt sicherlich der ZEWA-WM-Klopapier-Weitwurf und die REWE-Fanbox. Wer schützt eigentlich die Menschen und Kinder, die sich dort auf Kosten der Allgemeinheit bloßstellen? Und wer meint, man müsse ja nicht hingucken oder hinhören, der täuscht: Eine Fernbedienung wie Zuhause habe ich im Stadion nämlich nicht. Schön und entlarvend der Satz des Stadionsprechers zu einem »Gewinner«: »Dann kommst du UNS mal besuchen in den VIP-Räumlichkeiten.«
6. Podolski: Nur ein Satz: Ich habe viel über unseren Nationalspieler gehört und gelesen und teilweise gesehen – aber das, was er auf dem Platz bietet, untertrifft alle meine Vorstellungen. Eine Frechheit, dass dieser Mann noch mit der Nationalelf überhaupt in Verbindung gebracht wird. Ich betone noch einmal: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal pro Kuranyi sprechen würde – aber das, was ich von ihm diese Saison gesehen habe, ist um Lichtjahre besser und engagierter als die Leistung des Lukas Podolski.
7. O-Ton Heiko Herrlich: »Wir haben es nicht geschafft, uns Torchancen zu erarbeiten. Wir müssen uns jetzt auf unsere Stärken (!!!) besinnen. Vor allem müssen wir unsere Chancen wieder nutzen, ansonsten kann man auch keine Spiele gewinnen. Ich bin nach wie vor guten Mutes, dass wir es schaffen. Wir müssen uns zusammenraufen, um unser Ziel zu erreichen.«
8. O-Ton Marcel Maltritz: »HEUTE war die Leistung nicht gut, da braucht man nichts zu beschönigen.«
9. O-Ton Philipp Heerwagen: »In der zwoten Halbzeit haben wir dann das Herz in die Hand genommen (!!!!), aber im Abstiegskampf muss man 90 Minuten Gas geben.«
10. O-Ton Philipp Bönig vor dem Spiel: »Wer behauptet, bei uns zeige die Tendenz nach unten, hat keine Ahnung. Unsere gute Serie zu Beginn der Rückrunde hat dazu geführt, dass wir uns zu sicher fühlten. Jetzt haben wir die Zeichen der Zeit erkannt.«
11. Wenn man sich diese Statements durchliest – sorry, ich muss es so deutlich schreiben – kommt einem als Fan das kalte Kotzen. Hinzu nimmt man noch Christoph Dabrowski nach dem 24. Spietag und 27 Punkten und man erlebt einen Tag über der Schüssel: »Im ERFOLGSFALL neigt der Mensch offensichtlich dazu, etwas nachlässiger zu werden.«
12. Es macht keinen Sinn, sich jetzt selbst zu zerfleischen, aber es ist deutlich, dass im Verein ein Machtvakuum entstanden ist. Altegoer war nicht für Herrlich und sieht sich jetzt bestätigt. Die Spieler wissen das und lassen es Herrlich und Ernst spüren. Statt frühzeitig zu selektieren und alte Zöpfe abzuschneiden, schwimmen diese »Stinkstiefel« wieder obenauf – wahrscheinlich mit Verträgen, die oben wie unten dieselben Bezüge aufweisen.
13. Auch wenn es mir menschlich Leid tut: Man braucht nicht mehr drum herum zu reden, dass man sich seit dem Abgang von Stefan Kuntz qualitativ deutlich auf dieser Position verschlechtert hat. Die Worthülsen in den letzten Wochen sprechen eine eindeutige Sprache. Statt kühl und mit klarer Handschrift wird kopflos und unruhig agiert.
14. Der VfL Bochum wird erstmals in seiner Geschichte nicht in geordneten Verhältnissen den Gang in die Zweitklassigkeit antreten – und dies muss man auch vor allem der Starrköpfigkeit des Aufsichtsratsvorsitzenden ankreiden.
15. Es ist sehr, sehr traurig, wie sich der Verein insgesamt (Fans eingeschlossen) in den letzten Wochen und Monaten präsentiert!













Hab ich die Stelle mit den aufbauenden Worten verpasst? “…warum wir dennoch nach wie vor guten Mutes sind!” suggerierte mir, dass hier Durchhalteparolen feilgeboten werden.
Ich bin seit gestern in Sorge, ob es gegen Hannover überhaupt noch ein Endspiel geben wird. Da ich nicht mit Siegen gegen Stuttgart und Bayern rechne, könnte am 34. Spieltag schon alles gelaufen sein.