
Tag für Sieger
Derby Februar 2010 – Schalke: BxB 2:1
Während der Schiri die zweite Runde anpfeift, strömen wieder Hunderte in die Blöcke, es ist der komplette Wahnsinn, am Eingang geht gar nichts mehr, die Leute drängeln sich aggressiv durch die Gänge, gut, dass ich hier oben stehe. Toko tippt mich von hinten an der Schulter. „Alles gut?“ Ich lächle. Selbst, wenn ich hier in Ohnmacht fallen würde, passieren würde mir nichts. Und in diesem Moment lasse ich los. Alles. Ein warmes Gefühl der Geborgenheit krabbelt durch meinen Körper, kommt im Kopf an …
Waaaaaaaaas? Ein Tornado kreist durch die Arena, ein Schwach- Gelber hat sich im Elfmeterraum vor uns hinfallen lassen. Angeblich ist ihm unsere Rakete auf den Fuß getreten. „Nie im Leben!“, brülle ich hinab, aber Sahin hat sich schon den Ball geschnappt und legt ihn auf den Punkt. Komm schon Manu, räche dich für all den Scheiß, den er nach dem letzten Derby für seinen Kumpel Kevin verzapft hat. Doch das Tor der Lüdenscheider geht im Gebrüll unserer Knappen unter. 1:0 für die Falschen. Kann doch nicht sein!
Unten am Eingang strömen die, die gerade erst Bier holen waren, wieder aus. Da brauch man direkt wieder eins. Aber das hier ist nicht die Mannschaft wie noch vor einem Jahr. Das hier sind Magaths Wunderknappen, wir können noch eine Schüppe drauflegen. Oh ja, das können wir. Wir flippen jetzt alle komplett aus, Stimme hat hier schon fast keiner mehr, wir müssen den Ball sozusagen ins Tor schreien. Ich will auf gar keinen Fall hier verlieren. Und schon gar nicht gegen DIE. Plötzlich ein Raunen in unseren Reihen. Magath wechselt Moritz aus.
Der kam doch erst zur Halbzeit. Baumjohann darf stattdessen ran, sehr gut, endlich mal ein Trainer, der sein System dem Spielverlauf anpasst. Hatten wir ja auf Schalke schon lange nicht mehr. „Oh, ein Freistoß!“, denke ich mir noch. Lass den Schmitz schießen, bitte … Schmitz schießt auch, ich beiße die Zähne zusammen, sehe Höwedes nach oben steigen, und dann nur noch Engelsgesänge und Harfenklänge in meinen Ohren. Die Südkurve fällt von oben nach unten komplett in sich zusammen, ich werde durch die Luft geschleudert, irgendwer hat mich auf die Arme genommen, mein Bruder schreit sich die Lunge aus dem Hals, alle liegen sich in den Armen, küssen sich, drücken sich. Schalke, ich bin für dich geboren …
Es ist wie eine Armee, die da plötzlich aufsteht im ganzen Stadion, die Arme nach vorne reißt und aus einem Mund „Macht sie alle, schießt sie aus der Halle!“ brüllt. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Mit 60.000 Mann im Rücken spielen unsere Helden wie verzaubert, drängen aufs Tor, kämpfen um jeden Ball. Doch der Augenblick der absoluten Glückseligkeit bleibt uns verwehrt. Vor mir grinst mich ein Typ an: „Du hast ja ganz schön was in der Stimme, ich kann kaum noch atmen!“ Erstaunt gucke ich ihn an: „Ja? Kann sein, aber ich muss schreien, ich will nicht, dass die Dummen da drüben gewinnen oder auch nur einen Punkt hier aus unsere Halle mitnehmen.“
Kopfschüttelnd will er mir erklären, dass eh gleich Asamoah eingewechselt wird und der schießt dann das 2:1. Okay, oder so. Tatsächlich macht sich ein paar Minuten später Asamoah warm, läuft unter lauten Anfeuerungsrufen in Richtung Magath. Die beiden und wir 60.000 warten auf den Moment, dass der Schiri endlich das Spiel unterbricht. Macht er aber nicht, das erledigt ein ganz anderer. Mit staunenden Augen sehe ich, wie Rakete Rakitic aus gefühlten 200 Metern abzieht, der Ball fliegt und fliegt, ich denke schon „Och, mutig isser aber, der Kleine!“, als ein lautes Pfeifen in meinen Ohren hallt. Ich sehe schon wieder, wie die Plätze oben in der Südkurve leer sind, Bier klatscht auf meinen Kopf, irgendwer packt mich, in einem Kreis tanzen wir wie die Verrückten, Millionen von Männern küssen mich, mein Bruder drückt mich an sich, ich bekomme kaum Luft. Ich schnappe mir Toko, brülle ihm ein lautes „JAAAAAAAAAAA“ entgegen, Schalke führt 2:1, meine Fresse! Adrenalin intravenös verabreicht kann sich nicht besser anfühlen.
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