Ab sofort werde ich wöchentlich eine “Halbzeitpause”-Kolumne auf den Seiten von lokalkompass.de veröffentlichen. Hier die Nummer 21…
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Fußballer und Werbung: Breitner, Kirsten und Gascoigne – Wir rülpsen nicht, wir kotzen schon!
Der Fußball und die Werbung, das funktioniert nicht erst seit Braunschweigs trinkfestem Partner mit dem Hirschgeweih. Aktuell sorgt ein Spot des Dortmunder Hauptsponsors für Wirbel – allerdings vor allem in der »überarbeiteten« Version einiger Fans. Diese haben mit ein paar einfachen Schnitten aus der Botschaft »Wir stehen hinter dem BVB« am Ende des Spots den Slogan »Lieber eine Tochter im Puff, als eine Tochter beim BVB« gemacht. Den Sponsor der Borussia wird es trotzdem freuen – so viel kostenlose Werbung im Internet kann man mit Geld gar nicht bezahlen. –> weiter auf lokalkompass.de
Seit einiger Zeit berichtet unser Niederlande-Korrespondent Moddin Meyer (Rotterdam) in unregelmäßig-regelmäßigen Abständen schon aus dem Land des Käses, der Tulpen und der Cruijffs.
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Die Flugangst des Fußballbildchens
Ich sitze im Zug nach Utrecht. Zugfahren kann ja eine sehr schöne Angelegenheit sein, wenn man seine Ruhe hat und sich einem guten Buch oder der vorüberziehenden Landschaft widmen kann, wobei „Landschaft“ hier vor allem weiter Himmel, sehr viel Licht und Kühe bis zum Horizont bedeutet. Ich habe mich bewusst ins „Stilte“-Abteil gesetzt – hier heißt es „mobieltje uit!“ und „kop dicht!“, allein: hinter mir dezibelt Rotterdam-Techno und vor mir blubbert eine bräsige Studentin in ihr Handy. Ich versuche mich abzulenken mit Kühe gucken, doch: Pustekuchen! Blindekuh! Irgend so ein Scherzkeks hat meine Fensterscheibe mit Fußballbildchen zugeklebt.
Unverhofft werde ich eines alten Schätzchens gewahr: Dennis Bergkamp in seiner Abschiedssaison bei Arsenal. Ausgerechnet auf der Brust des „Non Flying Dutchman“ prangt „Fly Emirates“. Die Ironie des Schicksals ließ den flugbangen Bergkamp Werbeträger sein für eine Fluggesellschaft! Das Beispiel Bergkamp lehrt, dass man mit seinen Reisegenossen viel mehr Pech haben kann als ich in diesem Augenblick:
Während der WM ’94 teilte sich Oranje ein Flugzeug mit den Sportjournalisten. Nach der Vorbereitung in Kanada kam die Maschine vom Kurs ab, weil mehrere Berichterstatter ihre Laptops an Bord benutzt hatten. Nach dem ersten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien musste eine Notlandung eingelegt werden, weil es einem Journalisten schlecht ging. Und kurz vor dem Abflug nach Dallas schließlich, vor dem Viertelfinale gegen Brasilien, scherzte ein Reporter vom Algemeen Dagblad, er habe eine Bombe im Gepäck, was zur Folge hatte, dass das Flugzeug durchsucht wurde und sich der Weiterflug um acht Stunden verzögerte. Alle Spieler mussten in Gluthitze ausharren, versäumten ein Training, und das Viertelfinale ging trotz eines schönen Bergkamp-Treffers verloren. Nach dieser WM betrat Bergkamp kein Flugzeug mehr. Seine Karriere in der Nationalmannschaft beendete er nach der Euro 2000 im eigenen Land – die WM 2002 in Japan und Korea war buchstäblich unerreichbar, obwohl man ihm in Nord-London nachsagte, er könne übers Wasser gehen.
In Gouda steigt mein neuer Sitznachbar zu, der, schwer atmend, übelriechenden Mac-Wok-Glutaminglibber in sich hinein schlürft, schmatzt, schuftet. Hilfesuchend blicke ich zurück zu Dennis, und stelle mir vor, wie er und ich dazu verdammt sind, bis zum jüngsten Tag in einem Geister-Flugzug über die sieben Weltmeere zu irren…
zu Rotterdam-Techno von Richard Wagner.
Der FC St. Pauli gilt als “Punkrockverein”. Mit keinem anderen Fußballclub verbindet sich ein ähnlich ausgeprägtes Lebensgefühl. Bei aller Professionalisierung bleibt er anders: rebellisch, links, antifaschistisch. Mitte der 1980er Jahre wurde der FC St. Pauli von einer alternativen Szene entdeckt, die zuvor nichts mit Fußball zu tun hatte. Die Hafenstraße veränderte zuerst das Gesicht eines Stadtteils und bald auch das eines bis dahin bürgerlichen Vereins. Nicht nur Häuser wurden besetzt, sondern auch ein Stadion.
In rasender Geschwindigkeit zementierte sich das Bild vom Punkrockclub St. Pauli. Doc Mabuse, ein Punkrocker aus der Hafenstraße, brachte die Totenkopfflagge ins Stadion. Ob auf dem Hamburger Dom gekauft oder geklaut, weiß keiner genau. Auf jeden Fall war sie für ihn ein Symbol des Unangepassten, Widerständigen. Heute ist der Totenkopf eines der beliebtesten Merchandisingprodukte der Liga und ziert die Kapuzenpullis, Mützen und Schals aller Dorfpunks. Was ist geblieben von der Haltung, mit der die Hafenstraße einst das Stadion eroberte? Was ist davon Image und was Identität? Und worum geht es den Fans heute?
Der Film versucht, das Phänomen des Fußballclubs FC St. Pauli zu ergründen. Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte, erzählt von seiner Liebe zu St. Pauli. Sein Song “Das hier ist Fußball” ist eines der schönsten Lieder, das je einem Verein gewidmet wurde. Dirk “Dicken” Jora von der Band Slime erinnert sich, wie der Punkrock zu St. Pauli kam und immer mehr war als nur Musik, immer auch Idee und Haltung.
Carsten Friedrichs von der Hamburger Band Superpunk und HSV-Fan hingegen erklärt, warum er den Verein für eine inszenierte Hülle ohne Inhalt hält. Zu Wort kommen auch Vertreter des bürgerlichen St. Pauli, wie der ehemalige Bundesfinanzminister und St Pauli-Vorstand Hans Apel und Fußballer Herbert Müller.
Leseinsel Jürgen Riering, Brenscheder Str. 60a, 44799 Bochum, www.leseinsel-bo.de
03.02.11 – Hamburg: Halbzeitpause – Der fröhliche Fußballabend, Kulturhaus III&70, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg, Start: 20 Uhr, Internet