
Am Abend besuchten wir das Spiel zwischen dem Tabellenführer der tschechischen Liga FC Viktoria Pilsen und dem FC Slovan Liberec. Fußball auf einem anderen Stern. Ursprünglich, rau, nah dran – und äußerst misstrauisch. Die Frau an der Kasse witterte eine feindliche Übernahme des Klubs, als wir 21 Tickets auf einen Streich orderten. Erst nach mehreren Telefonaten mit der Vereinsführung wurde uns der Zugang auf die »Horni tribuna« gestattet.
Die ausufernde Wirkung der offerierten gastronomischen Köstlichkeiten im Stadioninneren zeigte sich bereits am körperlichen Gesamtzustand des Servicepersonals. Die in heißem Fett eingelegten Kartoffelringe wurden von einer Dame serviert, die offensichtlich gerne auch selbst größere Portionen der triefenden Speise verputzte. Sie hatte beim Abfüllen der Kartoffeln in eine Papiertüte arge Probleme, ihre üppige Figur so auszubalancieren, dass sie überhaupt sah, was sie gerade tat. Aus Ermangelung anderer warmer Lebensmittel griffen wir dennoch tüchtig zu.
Beim ersten Blick auf die laufende Partie bemerkten wir einen großen glatzköpfigen Spieler bei Liberec.
Unzweifelhaft handelte es sich dabei um Jiri Stajner, den ehemaligen Profi von Hannover 96. Die vollbesetzte Kurve der Slovan-Fans – sechs Sitzreihen á 16 Plätze – rastete bei jeder Ballberührung des etwas stämmiger als zu Bundesligazeiten wirkenden Mittelfeldregisseurs komplett aus.
Wir unterdessen bewunderten das Maskottchen von Viktoria Pilsen. Eine bedauernswert kümmerliche Gestalt. Das Kostüm bestand einzig und allein aus einem komischen Kamelkopf aus Plüsch mit ungeschickt ausgeschnittenen Gucklöchern auf Halshöhe. Keine Ahnung, was das Ganze zu bedeuten hatte. Ansonsten sah das Maskottchen wie jeder anderen Fan auch aus. Das aktuelle Trikot oben herum und die dazu passende Hose in Vereinsfarben unten herum. Da das Kamel die meiste Zeit an einen Golf-Caddy-Wagen gelehnt äußerst gelangweilt und bewegungslos die Begegnung am Spielfeldrand verfolgte, hatte es zudem eine gelbe Joggingbuchse an. Schließlich war es Herbst geworden in Europa. Ein kalter Wind fegte durch die zugige Arena und uns mitten ins Gesicht.
Die Partie hatte allerhöchstens deutsches Zweitliga-Niveau. Also alles wie bei uns zu Hause in Bochum. Einzig die Rahmenbedingungen in diesem Stadion waren anders als in der Heimat. Ein Platzsturm war angesichts fehlender Absperrungen und Ordner jederzeit denkbar und auch an geeignetem Wurfmaterial mangelte es nicht. Direkt vor uns stand eine handelsübliche Mülltonne. Die ließ sich prima schmeißen und war zudem prall gefüllt mit allerlei handlichen Gegenständen aus Mutters Küche.
Richtig flau im Magen wurde es uns allerdings erst, als neben uns ein Mann in Military-Hose sein Klappmesser auspackte und in aller Ruhe eine Ananas schälte. In diesem Augenblick dachte ich zum zweiten Mal in diesem Jahr an die schnelle Vergänglichkeit des Lebens und zum ersten Mal an die schützende Hand des Sepp Blatter und seiner weitläufigen Bannmeilen.
Ein Ausschnitt aus dem Buch “Freunde der Südsee. Meine Spielzeit”!
