Seit einiger Zeit berichtet unser Niederlande-Korrespondent Moddin Meyer (Rotterdam) in unregelmäßig-regelmäßigen Abständen schon aus dem Land des Käses, der Tulpen und der Cruijffs.
———————–
Die Flugangst des Fußballbildchens
Ich sitze im Zug nach Utrecht. Zugfahren kann ja eine sehr schöne Angelegenheit sein, wenn man seine Ruhe hat und sich einem guten Buch oder der vorüberziehenden Landschaft widmen kann, wobei „Landschaft“ hier vor allem weiter Himmel, sehr viel Licht und Kühe bis zum Horizont bedeutet. Ich habe mich bewusst ins „Stilte“-Abteil gesetzt – hier heißt es „mobieltje uit!“ und „kop dicht!“, allein: hinter mir dezibelt Rotterdam-Techno und vor mir blubbert eine bräsige Studentin in ihr Handy. Ich versuche mich abzulenken mit Kühe gucken, doch: Pustekuchen! Blindekuh! Irgend so ein Scherzkeks hat meine Fensterscheibe mit Fußballbildchen zugeklebt.
Unverhofft werde ich eines alten Schätzchens gewahr: Dennis Bergkamp in seiner Abschiedssaison bei Arsenal. Ausgerechnet auf der Brust des „Non Flying Dutchman“ prangt „Fly Emirates“. Die Ironie des Schicksals ließ den flugbangen Bergkamp Werbeträger sein für eine Fluggesellschaft! Das Beispiel Bergkamp lehrt, dass man mit seinen Reisegenossen viel mehr Pech haben kann als ich in diesem Augenblick:
Während der WM ’94 teilte sich Oranje ein Flugzeug mit den Sportjournalisten. Nach der Vorbereitung in Kanada kam die Maschine vom Kurs ab, weil mehrere Berichterstatter ihre Laptops an Bord benutzt hatten. Nach dem ersten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien musste eine Notlandung eingelegt werden, weil es einem Journalisten schlecht ging. Und kurz vor dem Abflug nach Dallas schließlich, vor dem Viertelfinale gegen Brasilien, scherzte ein Reporter vom Algemeen Dagblad, er habe eine Bombe im Gepäck, was zur Folge hatte, dass das Flugzeug durchsucht wurde und sich der Weiterflug um acht Stunden verzögerte. Alle Spieler mussten in Gluthitze ausharren, versäumten ein Training, und das Viertelfinale ging trotz eines schönen Bergkamp-Treffers verloren. Nach dieser WM betrat Bergkamp kein Flugzeug mehr. Seine Karriere in der Nationalmannschaft beendete er nach der Euro 2000 im eigenen Land – die WM 2002 in Japan und Korea war buchstäblich unerreichbar, obwohl man ihm in Nord-London nachsagte, er könne übers Wasser gehen.
In Gouda steigt mein neuer Sitznachbar zu, der, schwer atmend, übelriechenden Mac-Wok-Glutaminglibber in sich hinein schlürft, schmatzt, schuftet. Hilfesuchend blicke ich zurück zu Dennis, und stelle mir vor, wie er und ich dazu verdammt sind, bis zum jüngsten Tag in einem Geister-Flugzug über die sieben Weltmeere zu irren…
zu Rotterdam-Techno von Richard Wagner.






















