Die Toten Hosen: Tag 10 – München – Magical-Mystery-Tour 2012 / Das Videotagebuch mit dem Ex-FC-Bayern München Profi Jens Jeremies! (Danke an Tim K. für den Tipp)
————————–
Ich bin mir sicher, dass ein ganz bestimmter VfL-Fan am Dienstag die Uhr um knapp dreißig Jahre zurück drehen wird. Genauer gesagt, auf den 10. April 1982. Damals beim Pokalhalbfinale zwischen dem VfL Bochum und dem FC Bayern München sahen 45.000 Zuschauer im Ruhrstadion, wie der sympathischste Verein der Welt großartig auftrumpfte und die Lederhosen schwindelig spielte. Einzig Rotbäckchen Rummenigge hatte dem VfL etwas entgegenzusetzen. Nach seinem frühen Tor gab es jedoch nur noch eine Mannschaft auf dem Platz – den VfL Bochum. In der siebzigsten Minute gelang Patzke schließlich der völlig verdiente Ausgleich und nun schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis der VfL das Ding endgültig für sich entschied. Doch die Jungs von der Castroper Straße hatten die Rechung ohne den Schiedsrichter gemacht.
Wie so oft war der Mann in schwarz auf dem rot-weißen Auge blind. Er verpfiff die Bochumer nach Strich und Faden. Das Publikum tobte und das Ganze schaukelte sich langsam höher und höher. Und als der Schiri wieder mal komplett daneben lag, gab es für einen jungen Kerl in blau-weißer Fankutte kein Halten mehr. Wie von Sinnen stürmte er auf den Platz. Er hatte nur ein Ziel: Unter allen Umständen – wie er später gestand – wollte er diesem »blinden Schwachmat von Schiedsrichter in den Arsch treten«. Fast hätte es geklappt. Doch im letzten Moment wurde er von Lothar Woelk, Wolfgang Patzke, Ata Lameck und Konsorten eingesammelt und der Polizei übergeben. Das Spiel war für den fanatischen Bochumer vorzeitig beendet. Wenige Minuten später dann auch für den VfL. Nach einem geschenkten Elfmeter verlor man 2:1 gegen die elf plus eins Lederhosen.
Als der junge Kerl nach dem Spiel aus der Sicherheitsverwahrung entlassen wurde, begegnete ihm ein älterer Herr, der ihn böse anblickte und die Hand hob. Der nun wieder lammfromme Platzstürmer zog bereits ängstlich den Kopf ein, als der Opa ihm fast zärtlich auf die Schulter klopfte. Lächelnd drückte er dem jungen Kerl 20 Mark in die Hand: »Falls es Ärger gibt, mein Junge. Das hast du sehr gut gemacht!«
Am nächsten Tag musste der Beinahe-Hooligan auch noch zum Präsidenten Ottokar Wüst, in sein Geschäft für Herrenmode in der Bochumer City. Voller Bammel rechnete er mit dem Schlimmsten. Die Polizei hatte ihm eine gepfefferte Geldstrafe und ein Stadionverbot auf Lebzeit angedroht. Ottokar kam dem Platzstürmer mit ernster Miene entgegen, bat ihn in einen Nebenraum und fiel ihm dort mit Tränen der Rührung in den Augen um den Hals: »Junger Mann, ich muss Ihnen ehrlich sagen, hätten Sie das nicht gemacht, dann wäre ich auf den Platz gelaufen!« Und da sprach Ottokar 45.000 stinksauren Bochumern aus dem Herzen. Dienstag wäre ein guter Tag, einmal mit elf plus eins VfLern auf dem Rasen zu stehen!
Manchmal ist Fußball eben doch ganz einfach. Ausgeklügelte Spielsysteme, hochbezahlte Profis, intelligente Trainer, engagierte Fans – all das kann man als Erfolgsfaktoren auf dem Weg zum viel zitierten »Dreier« getrost vergessen. Der Trainer des designierten Meisters dieser Spielzeit, Jupp Heynckes, hatte in Wolfsburg schnell erkannt, woran es diesmal haperte: »Der Rasen war sehr stumpf.« Und wichtig im Nachsatz: »Das ist auch mit Intention geschehen!« Man rekapituliere also: Was der Wetter-Gott nicht schafft, Felix Magath kann es!
Stumpfer, trockener Rasen in einer Jahreszeit, die mich dazu brachte, T-Shirts mit dem Aufdruck »Dem-Fritz-Walter-sein-Wetter-Sommer« zu drucken, ist fast schon wieder lustig. Aber irgendwie passt das zum unentspannten Auftritt des Trainers des FC Bayern, den Wolfram Wuttke ja nicht umsonst irgendwann einmal »Osram« taufte. Nichts ist mehr geblieben von der ansteckenden Lockerheit und den lustig funkelnden Augen seines Kurzgastspiels beim Stern des Südens vor zwei Jahren. Heynckes erinnert viel mehr frappierend an seine notorisch genervten Tage auf Schalke.
Apropos Schalke. Dort ist die Welt ja endlich wieder in Ordnung. Mit einem Griff ins Portemonnaie werfen wir drei Euro ins Phrasenschwein und stellen fest: So schnelllebig ist nur der Fußball! Letzte Woche noch die Sorge vor dem Abstiegskampf und nun jubiliert man über Facebook und Twitter aus den königsblauen Feriendomizilen weltweit bereits wieder: »Schalke vor Dortmund und Bayern!« Dass das im Moment nur Tabellenplatz sieben bedeutet, ist sicherlich übertriebene Erbsenzählerei.
Fünf Tore sorgten für heile, heile Gänsje auf Schalke. Auch mit dem galaktischen Medienspektakel aus Spanien ist wieder alles in Butter. Und das liegt vor allem an dieser einen wunderbaren Szene aus der 59. Minute. Raúl González Blanco erzielte mit seinem spektakulären Heber über Michael Rensing einen der schönsten Treffer der Bundesligageschichte. Man könnte meinen, das bekämen nicht allzu viele Profis hin, aber in Dortmund ist man auch nach der zu erwartenden Niederlage in Hoffenheim weiterhin durchaus selbstbewusst, wie ein User im Angesicht des vierten Schalker Tores auf youtube schrieb: »Kevin Großkreutz macht das mit verbundenen Augen!«
Falls es jemanden interessiert, wie mein Wochenende war – es war bescheiden! Während ich im Ruhrstadion nach unglaublichen fünfzehn Anfangsminuten zunehmend die gleiche Scheiße sah wie in den vier Pflichtspielbegegnungen zuvor, versuchte die angeheiratete Schalker Sippe meinem Sohn auf Crange königsblaue Devotionalien unterzujubeln. Erst ein Machtwort per Telefon verhinderte Schlimmeres.
Doch was mache ich mir eigentlich Sorgen? Nachdem der VfL-Opa ihn am Samstag bei einem Besuch mit einem Haushaltsgegenstand spielen lassen hatte, wollte er das nun auch bei Mama und Papa. Mit stoischer Hartnäckigkeit fragte er den Rest des Wochenendes: »Wo ist meine Leiter?« Ich deute das mal als gutes Zeichen: Auch mein Junge will unbedingt wieder hoch in die erste Liga!
Tausche Schwester gegen Endspielkarte - Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten. Band 2
Der Bestseller »Ein Tor würde dem Spiel gut tun« erhält fünf Jahre nach dem ersten Erscheinen und inzwischen 60.000 verkauften Exemplaren endlich eine Fortsetzung. Wieder hat Ben Redelings die ultimativen Sprüche und Weisheiten zum Thema Fußball gesammelt. Wieder hat er mehr als 3.000 Zitate aus allen Bereichen des Fußballs zusammengetragen allesamt neu und im ersten Band nicht enthalten.
Bereichert wird sein neues Werk durch lustige Fotos aus der Welt des Fußballs, durch viele kuriose Zitate von internationalen Stars und vor allem: durch die krassesten Sprüche von Fans, die Redelings direkt im Stadion oder in diversen Internetforen aufgeschnappt hat. Als Bonus: Für Sprüche-Anfänger gibt es eine »Klassiker«-Rubrik, in der Redelings die absolut allerbesten Stilblüten der Fußballer, Trainer und Funktionäre vereint.
Ostkurvenmattes: Pippo: immer gerannt, alles gegeben. Sympathisch, so wie man als Ruhri sich das wünscht. Er ist...
Tina: Huhu, Ben! Wir sind in Dortmund dabei & freuen uns schon dolle wie Bolle auf deinen Abend, lg Tina
Ostkurvenmattes: Und nochn neuer Spruch für Teil III dieser Lokus-Literatur-Reihe( ) Kevin Vogt nach Cottbus...
Ben Redelings, geboren 1975, lebt in Bochum als freier Autor und Filmemacher. Seine in schöner Regelmäßigkeit ausverkauften kulturellen Fußballabende SCUDETTO genießen mittlerweile “Kultstatus” (WAZ).
Die ehrenwerte Berufsbezeichnung “Fußballkulturschaffender in Vollzeit” des Radiosenders “1LIVE” hat sich Redelings also redlich verdient.
Alle Bücher, Filme, Shirts und Tickets direkt bestellen bei Der Geist von Malente! Gerne natürlich auch mit einer persönlichen Signatur!
Zitat
Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen. (Erich Ribbeck) – aus dem Buch: Ein Tor würde dem Spiel gut tun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten